Kunstwerke, wie sie in den Kunstgeschichten gepriesen werden, findet man in Beuron nicht. Der zerstörte Hochaltar von Joseph Anton Feuchtmayer hatte vielleicht solchen Rang. Wohl das älteste Erbstück aus der Augustinerzeit ist ein Vortragskreuz mit einem Corpus aus dem 12. Jahrhundert und mit in Kupfer getriebenen Medaillons der vier Evangelisten.
Ein Werk von guter künstlerischer Qualität ist das Gnadenbild, eine Pieta (Lindenholz) aus dem 15. Jahrhundert. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts, noch vor dem Bau der Kirche, entstanden die beiden einfachen, schön gegliederten Klosterflügel. Sie bergen einige reich stukkierte Räume: den Kapitelsaal, die alte Bibliothek, die Abtskapelle und den Noviziatsraum. Ein wertvolles Stück barocker Goldschmiedekunst verwahrt die Sakristei: einen Abtsstab, den Gerold II. Zurlauben vom Kloster Rheinau um die Wende des 17. Jahrhunderts anfertigen ließ und den der letzte Abt von Rheinau, Leodegar Ineichen, 1865 bei der Auflösung seines Klosters in die Obhut der Beuroner Mönche gab.
Die Kirche reicht nicht an die höchste Qualität der berühmten Barock-Kirchen Schwabens heran. Aber auch sie birgt ihre eigenen Schönheiten. Von der Ausstattung erwähnen wir als künstlerisch wertvoll eigens: das Alabaster-Medaillon am Hochaltar mit der Grablegung Christi, die vier Figuren der Heiligen Joachim und Anna, Dominikus und Katharina an den Seitenaltären, von Joachim Dirr 1760 - 1762 geschaffen; leider läßt die neue Fassung kaum mehr erkennen, daß sie in Holz geschnitzt sind; die Auszugsbilder der Seitenaltäre: die Erzengel Raphael und Gabriel; dazu einige der Deckenbilder. Die in einer der Stichkappen gemalte Mantelteilung des heiligen Martinus, der Beuroner Schimmel, der dem Besucher an jedem Standpunkt entgegenspringt, wurde mit einer Legende umsponnen.![]()
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab Beuron einer eigenen Richtung in der kirchlichen Kunst den Namen: Beuroner Kunst. Mit ihr wollten die Beuroner Benediktiner dazu beitragen, die christliche Kunst aus dem Naturabklatsch und der Gefühlsgebundenheit zu lösen und sie hinzuführen zu einer dem christlichen Glauben und der Liturgie würdigen Form. Erzabt Maurus Wolter hatte durch seinen Bildungsweg, seinen Bekanntenkreis und seine Reisen viel Verständnis für die Fragen und Nöte der kirchlichen Kunst seiner Zeit. So öffnete er sich und sein Kloster gerne dem Neuen, das sich verheißungsvoll anbot.
Diese Gelegenheit ergab sich 1868, als der Architekt und Bildhauer Peter Lenz in Beuron weilte. Er hatte von der Fürstin Katharina von Hohenzollern den Auftrag zum Bau und zur Ausstattung der Kapelle zu Ehren des heiligen Abtes Maurus erhalten. Peter Lenz hatte sich seine eigene Kunsttheorie geschaffen. Er glaubte, mit Hilfe der "ästhetischen Geometrie", den "heiligen Maßen", einem eigenen "Kanon" und den Zahlenproportionen der Ägypter eine "Heilige Kunst" konstruieren zu können. Seine Gedanken sind in dem 1898 erschienenen Bändchen "Zur Ästhetik der Beuroner Schule" niedergeschrieben.
Während die Bauform der Mauruskapelle den zweckfremden Stiltempelchen des 19. Jahrhunderts verpflichtet blieb, bieten die Fresken, vor allem das Muttergottesbild über dem Eingang und das Kreuzbild an der Altarrückwand, echte christliche Bildkunst. Sie steht den zeitgenössischen, gefühlsseligen religiösen Stimmungsbildern wohltuend entgegen und wirkte erneuernd in die Zukunft. Aus dieser Anfangszeit stammen auch die Fresken zweier anbetender Engel im Kreuzgang des Klosters.
Zur Ausstattung der Mauruskapelle hatte Lenz seinen Malerfreund aus der Akademiezeit, Jakob Wüger, und dessen Schüler Fridolin Steiner hinzugezogen. Alle drei traten ins Kloster ein und bildeten eine Arbeitsgemeinschaft. Als größere Aufträge an diese Gruppe herantraten, besonders in Monte Cassino und Prag, wurden alle künstlerischen Talente aus der Klostergemeinde herangezogen und unter die Leitung des Paters Desiderius Lenz gestellt. Die künstlerischen Arbeiten verloren allerdings durch den Schulbetrieb und durch Fremdeinflüsse immer mehr an Qualität. Die Strenge wurde zur Volkstümlichkeit gemildert; das Maß erstarrte zum Schema. Man übernahm Formen und Motive aus frühchristlicher, byzantinischer und praeraffaelitischer Kunst und aus dem Jugendstil.
Zeugnisse dieser späteren Beuroner Kunst sind in Beuron die Gnadenkapelle, der Speisesaal der Klosterfamilie und das Bild des hl. Martin am Westgiebel der Kirche. Auf dem Gebiet des kirchlichen Gerätes vermochte die ästhetische Geometrie zu reinigen und Form und Aufbau zu klären und zu vereinfachen. Werke der Beuroner Goldschmiedekunst bilden auch heute noch den Grundstock der Ausstattung von Kirche und Sakristei in Beuron. Einfluß auf die Zukunft hatten nur die ersten strengen Arbeiten des Paters Desiderius und besonders seine Kunsttheorie. Die französischen Maler Paul Sérusier und Maurice Denis, der Erneuerer der französischen kirchlichen Kunst, ließen sich von ihnen beeindrucken. Sie gaben 1905 die Schrift "L'esthétique de Beuron" heraus. Ihre Anschauungen und Werke wiederum förderten über die niederländischen Maler Toorop und Thorn-Prikker die Erneuerung der kirchlichen Kunst im Rheinland.
Als Einzelpersönlichkeit aus der Malerschule trat noch Pater Willibrord Verkade hervor, aber ohne daß ein bestimmtes Werk in Beuron ihm zugeschrieben werden kann. Er kam aus der französischen Malergruppe der Nabis, gab nach einigen Jahren der Mitarbeit unter Pater Desiderius das Malen schließlich ganz auf und schrieb seine zwei autobiographischen Werke: "Die Unruhe zu Gott" und "Der Antrieb ins Vollkommene". Er kümmerte sich um die religiöse Betreuung seiner Künstlerkollegen und war maßgeblich an der Gründung der Beuroner Künstlertagung beteiligt. Sie vereinte alljährlich zahlreiche Künstler zu religiöser Bildung und fachlichem Gedankenaustausch. Unter dem Einfluß der Mauruskapelle malte Karl Caspar (1879-1956), ein Pionier einer neuen kirchlichen Kunst im süddeutschen Raum, die Fresken an der Schäfervilla beim Gregoriushaus.
Ihre eigenen Wege gingen die Bildhauer Pater Otmar Merkle, der die Figuren am Bibliotheksgebäude des Klosters und viele Wegkreuze in der Umgebung Beurons schuf, sowie der Maler Pater Tutilo Gröner, dessen Bilder man auf den Wanderwegen an Felsen und Bäumen entdecken kann. Nach dem zweiten Weltkrieg erweckte Pater Ansgar Dreher das verwaiste Bildhaueratelier zu neuem Leben. Vorausgegangen war eine sechsjährige Studienzeit in München bei dem akademischen Bildhauer Karl Rieber und an der Akademie für bildende Künste. Er schuf die verschiedensten Werke in Stein und Holz, auch einige wenige in Bronzeguß, meist auftraggebunden, vereinzelt auch frei. Seine Arbeiten stehen weit verstreut in Baden-Württemberg und darüber hinaus. In Beuron schuf er: für die Abteikirche den Osterleuchter und die Krippenfiguren, für die Kapelle des Gregoriushauses Kreuz und Tabernakelstele; für die Hauskapelle von St. Maurus eine Mariensäule. Dann das Denkmal für den tödlich verunglückten Erzabt Benedikt Reetz. Weiterhin gestaltete er den ganzen Klosterfriedhof und einige Grabsteine auf dem Gemeindefriedhof. In der Goldschmiedewerkstatt fertigt Br. Paulin Cordell kirchliche Geräte für unser Kloster und auswärtige Aufträge.![]()
Beuroner Kunst in der Wiener Sezession 1905-2005
Eine Ausstellung der Erzabtei St. Martin, Beuron
17. September bis 27. November 2005
Mitte September 2005 wird die Erzabtei St. Martin zu Beuron ihren neu geschaffenen kleinen Ausstellungsbereich mit einer besonderen Ausstellung eröffnen. Sie möchte mit ausgewählten Werken an ein Ereignis erinnern, das für die Geschichte des einstigen regen Kunstlebens im Kloster eine große Bedeutung besaß: die Beteiligung der Beuroner Kunstschule an der Herbstaustellung der Wiener Sezession im Jahr 1905.
Damals, vor hundert Jahren, traten die Beuroner mit ihrem Kunstschaffen zum ersten Male vor eine größere Öffentlichkeit. Ihr Beitrag fand in Wien, einem europäischen Zentrum des späten Jugendstils, größte Anerkennung. Für viele standen die Werke der Kunstschule im Zentrum des Ringens um eine religiöse Kunst jener Zeit: Die Jubiläumsausstellung versucht, möglichst viele der damals in Wien gezeigten Kunstwerke zu präsentieren: neben Skulpturen und Goldschmiedearbeiten waren und sind es vor allem Entwürfe für die in Beuron und Monte Cassino geschaffenen sakralen Gestaltungen von Kirchen und Kapellen. Einige wichtige Leihgaben ergänzen diesen Bestand, unter ihnen kostbare von Nonnen geschaffene Miniaturen.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog, der den Beuroner Beitrag zur Wiener Ausstellung in umfassender Weise würdigt und durch eine ausführliche Dokumentation erschließt. Ferner finden im Festsaal des Klosters zu Beginn und nochmals zum Ende der Ausstellung Vorträge statt, in denen nicht nur Ergebnisse neuerer Forschungen zur Beuroner Kunst vorgestellt, sondern auch allgemeine kultur- und kunsthistorische Zusammenhänge aufgezeigt werden, um die Bedeutung der Beuroner Kunstschule im Spektrum der christlichen Kunst an der Schwelle zur Modernen deutlich werden zu lassen.
Die Herrichtung der Ausstellungsräume wie die Durchführung der Ausstellung selbst wird vom Verein der Freunde der Erzabtei St. Martin zu Beuron e.V. unterstützt und vom Kunstausschuss dieses Vereins organisatorisch begeleitet.
Prof. Dr. Hubert Krins, Tübingen. ![]()



Pieta
Kapitelsaal
Alabaster Medaillon
Klosterkirche
Hl. Martinus
Mauruskapelle
Muttergottes
Kreuzbild
anbetende Engel
Gnadenkapelle
Speisesaal
Westgiebel
Isismadonna
Engel
Engelkelch